11. Mai 2015

Toleranzbegeistert – Von Toleranz und Schul(d)bildung.

Eigentlich sind Kirche und Staat in Österreich getrennt. Doch in die Schulen ist dieser Grundsatz irgendwie nicht ganz durchgedrungen.

Religion, aus historischen Gründen vorherrschend die katholische Kirche, beansprucht in der Schul(d)bildung immer noch viel zu viele Ressourcen. Namentlich zwei staatlich finanzierte Schulstunden pro Woche – zwölf Jahre lang – und jährlich um die 70 Millionen Steuergelder für Religionslehrer zu viel. Öffentliche Schulen sollten als staatliche Institution vollkommen frei von religiösem Einfluss jeglicher Art sein.

Natürlich besteht die Möglichkeit sich persönlich beim Direktor vom Religionsunterricht abzumelden, ab der Oberstufe muss dann verpflichtender Ethikunterricht besucht werden. Dieser findet aus organisatorischen Gründen am Nachmittag statt, sprich die Entscheidung für oder gegen Religionsunterricht ist eine Entscheidung für oder gegen einen freien Nachmittag. Beziehungsweise überschneidet sich der Ethikunterricht teilweise mit einem anderen verpflichtenden Unterrichtsgegenstand, wie beispielsweise in meinem Fall. Obwohl ich eigentlich absoluter Befürworter des Konzepts Ethikunterricht bin, ist es in meinen Augen nicht so tragisch, dass mir diese Entscheidungsfreiheit nicht zusteht, da mein katholischer Religionslehrer zusammen mit einer zweiten katholischen Religionslehrerin das gesamte Ethiklehrerrepertoire der Schule bildet.

Das wiederum ist auch keine Tragödie, weil unser Religionsunterreicht seit der zweiten Klasse ohnehin nicht mehr wirklich werteorientiert im katholischen Sinn ist. In unserer sehr kirchenkritischen Klasse hatte das Modell „Beten und aus der Bibel lesen“ keine große Zukunft. Ohnehin besser so, schließlich widerspricht konventioneller Religionsunterricht, wie ihn einige Religionslehrer praktizieren, drastisch den Grundsätzen des Biologie-, Psychologie- und Geschichtsunterrichts. Diese Lehrkräfte sind nämlich nach österreichischem Gesetz verpflichtet, den neuesten Stand der Forschung zu übermitteln, und der weicht beispielsweise in puncto Entstehungsgeschichte, Verhütung, Abtreibung und Homosexualität ein klein wenig vom katholischen Standpunkt ab.

Wirklich problematisch wird es in meinen Augen beim letzten Punkt. Statistisch gesehen müsste es an unserer Schule über 100 Homosexuelle geben. Diese Zahl weicht enorm von der Realität in unserer Schule ab. Einerseits könnte das Klosterneuburger Gymnasium eine extreme Ausnahme sein, andererseits behalten vielleicht einige ihre sexuelle Orientierung für sich, da sie ihre Vorlieben als krankhaft sehen, weil ihr Religionslehrer ihnen das gesagt hat. Solche Aussagen, wie sie schon manche Religionslehrer vor unserer Klasse getätigt haben, bringen ein gewisses Mittelalter-Flair in den Unterricht, allerdings auf die Kosten der psychischen Gesundheit der betroffenen Schüler. Schön, dass im Schulalltag die individuelle Entwicklung gefördert und Toleranz groß geschrieben wird.

Die Unterrichtsministerin, die ehemalige Lehrerin Heinisch-Hosek, ist sich dieser Problematik bewusst. Die selbsternannte Kämpferin für Toleranz spricht sich regelmäßig klar für Gleichberechtigung und Akzeptanz von Homo- und Transsexuellen aus. Doch im Angesicht des starken, rechts-orientierten Koalitionspartners und dessen ähnlich gesinnten Unterstützern in der Opposition sind der toleranzbegeisterten Ministerin und ihren Zielen die Hände gebunden. Jetzt muss die Chefin des Unterrichtsministeriums auf Unterstützung von Communities und NGOs bauen, um ihre politischen Ziele zu verwirklichen.

Religionsunterricht ist ein völlig veraltetes und überholtes Konzept, welches alleine schon aus bürokratischen Gründen schon längst durch verpflichtenden Ethikunterricht ersetzt werden hätte sollen. Der Staat sollte statt Religionslehrer für alle staatlich anerkannten Glaubensrichtungen kompetente Ethiklehrer finanzieren. Im Rahmen dieses Unterrichts werden durchaus auch religiöse Grundsätze übermittelt, allerdings religionsübergreifend mit einem Toleranzgedanken im Vordergrund. Wem religiöse Erziehung ein Anliegen ist, der sollte dafür im privaten Bereich Sorge tragen müssen.

4 Comments on “Toleranzbegeistert – Von Toleranz und Schul(d)bildung.

Caroline Jablonski
23. Mai 2015 um 19:46

Alina, Respekt für diesen Artikel! In einem Rundumschlag hast Du von verschiedensten Seiten das Thema beleuchtet und großartige Formulierungen für den Status an Österreichs Schulen gefunden. Und deine Forderung nach verpflichtendem Ethikunterricht kann ich nur unterstützen.
Ich lese aus deinem Artikel nicht zuwenig Toleranz den Religionen generell gegenüber, sondern einen klaren Appell für das Trennen von Schule und Religionsunterricht. Und das was andere als Sarkasmus empfinden, sehe ich als „Spitze Feder“ mit pointierten Kommentaren.
Nochmals: Gratulation!

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Stefan Radman
21. Mai 2015 um 19:35

Sehr amüsant zu lesen, wenn auch ein bisschen zu sarkastisch.
Ich finde du lässt (gerade bei diesem Titel) zu wenig Toleranz für die Religion über.

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Roland Reichart-Mückstein
13. Mai 2015 um 17:38

Kleine Anmerkung zur „Homosexuellenquote“: Das durchschnittliche Coming-Out-Alter liegt zwischen 17 und 20 Jahren — einmal ganz davon abgesehen, dass die sexuelle Orientierung nicht immer etwas so Stabiles oder Eindeutiges ist. Das trägt vielleicht auch einen Teil dazu bei, die Diskrepanz zwischen der statistischen Erwartung und deiner Wahrnehmung zu erklären.

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Alina Müller
16. Mai 2015 um 16:03

Angebrachte Kritik, doch auch in dieser Altersgruppe ist unsere Schule nicht repräsentativ. Aber gerade im Anblick des Outing-Alters ist es in meinen Augen umso wichtiger, dass junge Menschen ihre Sexualität probieren können, ohne dabei von irgendjemandem, und auf gar keinen Fall von einer Autoritätsperson, in eine Richtung gedrängt zu werden.

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