3. Juli 2015

Verdammt. Das passiert gerade wirklich.

Am 17. Juni vor drei Jahren wurde der saudische Blogger Raif Badawi inhaftiert. Sein Schicksal zeigt die Unterdrückung von toleranten, weltoffenen Denkern und stellt eine unfassbare Verletzung der Menschenrechte dar.

Es gibt Erfahrungen, die verändern dein Leben. Und deine Perspektive auf ebendieses. Vor ungefähr einem Monat machte ich eine solche Erfahrung, als ich eine Veranstaltung für den saudischen Blogger Raif Badawi besuchte. Badawi wurde aufgrund seiner liberalen und toleranten Ansichten zu 10 Jahren Haft, umgerechnet ca. 200 000 Euro Geldstrafe und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Zusätzlich liegt auf ihm, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, ein 10-jähriger Bann, welcher es ihm untersagt, Saudi-Arabien zu verlassen oder seine Meinungen öffentlich oder in jeglichen Medien kundzutun. Seine Frau und seine drei Kinder mussten nach seiner Verhaftung nach Kanada fliehen.

Am 29. April gab es eine Lesung von Cornelius Obonya für Raif Badawi, die ich, wie schon erwähnt, besuchte. Mit dem Ergebnis, dass ich darüber schreiben wollte. Die zahlreichen Reden sowie natürlich Badawis Texte aus dem frisch erschienenen Buch „1000 Peitschenhiebe – weil ich sage, was ich denke“ öffneten mir die Augen und machten mir klar, wie wichtig es ist, dieses Thema anzusprechen.

„Ja, vernünftige und rationale Menschlichkeit ist der einzige Katalysator und Motor für den Aufbau von Gesellschaften unter dem Vorzeichen der Toleranz, Kreativität, Kunst und technologischer Entwicklung.

(…)

Der Liberalismus ist das kognitivste Gerüst für und die Perspektive auf ein freies, gutes Leben für alle“.

Durch seine Texte erlebt man Raif Badawi, selbst ein gläubiger Moslem, als toleranten, weltoffenen Denker, der die “Schwerter des religiösen Autoritarismus” – wie er die übermächtige, radikal-klerikale Seite der Regierung in Saudi-Arabien beschreibt – immer wieder in einem leicht spöttelnden, ironischen Tonfall, aber oft auch mit erschütternder Ernsthaftigkeit kritisiert. Ebenso übt er stark Kritik an der aktuellen Situation der saudischen Frau, die durch ein fehlendes Recht auf Arbeit, übertriebene Geschlechtertrennung, sowie aber gleichzeitig auch durch verschiedenste Formen der Zwangsehe oder ähnlichen “Schweinkram”, wie Badawi es nennt, einer unglaublichen Unterdrückung ausgesetzt ist.

Als Vorwort des von Constantin Schreiber herausgegebenen Buches dient ein erst kürzlich geschriebener Brief an die Leserinnen und Leser, von Raif Badawi selbst. Und als ich diesen Brief – der von Raif Badawi in einer 20 Quadratmeter großen, verdreckten Gefängniszelle geschrieben wurde – das erste Mal las, traf mich die Wahrheit mit der Wucht eines vorbeifahrenden Lastwagens:

„Verdammt. Das passiert einem Menschen gerade wirklich.“

Einige tausend Kilometer entfernt – und die Distanz trägt sicherlich auch dazu bei, dass uns diese Grausamkeit so unwirklich vorkommt – sitzt ein 31-jähriger Mann im Gefängnis, und das nur aufgrund seiner liberalen und zutiefst humanen Welteinstellung, seiner Devise „Leben und leben lassen“.

Sich dieses Unrecht alleine schon vorstellen zu müssen, schmerzt fast unerträglich. Und ein Schmerz in Dimensionen, die sich die meisten von uns kaum vorstellen können, durchfuhr sicherlich auch Raif Badawis Körper, und zwar bei jedem einzelnen der 50 Peitschenhiebe, die er bereits erdulden musste. Das wird bei den 950 Hieben, die ihm noch bevorstehen nicht anders sein. Den schon beschriebenen Schmerz, den wir – die nicht direkt Betroffenen, die alles aus der Ferne mitverfolgen – bei der Erkenntnis dieser überdimensionalen Ungerechtigkeit fühlen, den müssen wir zulassen. Unbedingt.

Denn wenn wir umgekehrt aus Selbstschutz und Ignoranz versuchen, die schreckliche Wahrheit von uns zu schieben, wird sich niemals – und ich meine niemals! – etwas zum Positiven verändern.

Glücklicherweise gab es vonseiten mehrerer Menschrechtsorganisationen, sowie vonseiten verschiedener Politiker und zahlreicher Individuen schon sprichwörtliche Aufschreie gegen die ungerechte Verhaftung und Bestrafung Raif Badawis, der mit seinem Schicksal ein globales Problem aufzeigt. Doch wir haben noch lange nicht genug getan.

Raif Badawis Texte enden oft mit einem Appell, so wie etwa „Wie wäre es, wenn wir es den anderen einmal gleichtäten, und versuchen würden, eine humanistische Zivilisation und normale Beziehungen zu sechs Milliarden Menschen aufzubauen, von denen mehr als viereinhalb Milliarden nicht dem Islam angehören?“ oder „Werden wir endlich unser patriarchalisches, ungerechtes Gerede bleiben lassen, und die Schleuse des Staudamms der Ausreden endlich schließen?“

Auch ich möchte meinen Text mit einem Appell beenden.

Bitte. Lasst nicht durch ein hauptsächlich von Glück und Wohlstand geprägtes Leben den Gedanken zu, mit unserer Welt sei alles in Ordnung. So ist es nicht, das sieht man wieder einmal eindeutig am Beispiel von Raif Badawi und vielen anderen politischen Gefangenen. Und bitte, lasst euch auch nicht von tausenden Kilometern von der Erkenntnis abhalten: „Verdammt. Das passiert gerade wirklich. Und es geht mich sehr wohl etwas an.“

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